Der letzte Spieltag der Saison 2007/2008

Der Antiheld

Heldenverehrung lag mir von kleinauf fern. Meiner großen Schwester habe ich zwar lange vertraut (bis ich herausbekam, dass es nicht stimmte, dass das Innere vom Eis für Kinder unter 5 Jahren giftig sei), aber verehrt: nein, das habe ich sie nicht. Auch später, als ich schon fernsehen durfte, habe ich mit einigen Figuren gelitten (insbesondere mit Kater Mikesch, für den ich Mal für Mal – bei jeder Wiederholung im Programm – ein paar Tränen vergoss, wenn er den Milchkrug umstieß, weil er doch jetzt von Zuhause weglaufen musste). Aber auch ihn habe ich nicht verehrt. An große Schwärmereien für Popstars kann ich mich nicht erinnern, kann also nicht so doll gewesen sein. Marx, ja, fand ich gut, aber Heldenverehrung säh’ anders aus. Und jetzt, auf einmal und im hohen Alter, kam mein ganzes Denken ins Wanken.

Gestern war Ligarunde in Wiesbaden. Die Pfungstädter, meine SportkameradInnen, hatten nach vermurkster Saison (ich will hier nicht Session schreiben) nur das Ziel, in die Relegationsrunde zu kommen, um den direkten Abstieg zu vermeiden. Mehr war nach dem Stand der Dinge auch nicht drin, also das Ziel war verhältnismäßig hoch gesteckt. Zwei Punkte waren mindestens nötig – sollte Nürnberg seine beiden Spiele gewinnen, sogar vier. Und nur drei Spiele boten Pfungstadt eine Chance, Punkte zu sammeln. Beim ersten Spiel (gegen Böblingen) saß ich am Protokolltisch. Es ging verhalten los, und ich war schon glücklich, dass ein schneller Rückstand vermieden werden konnte. Man kann sich ja schließlich nicht darauf verlassen, dass so ein Rückstand Kräfte mobilisiert. Als ein Tor gehupt wurde, konnte ich kaum glauben, dass es für und nicht gegen Pfungstadt war. Alle Achtung, man verkauft sich also nicht unter Wert, wie so oft. Dann das nächste Tor. Auch für Pfungstadt. Na also, es geht doch. Ich habe dem Frieden zwar lange nicht getraut, aber zwei Minuten vor Schluss hörte ich auf zu zittern. Erwies sich als immenser, nicht wieder gutzumachender Fehler. 1.47 Min. vor Schluss der Anschlusstreffer aus Böblingen. Dann ein Sandwich seitens Pfungstadt. Ging leider in die Hose, war’n Schuss in’n Ofen, war einfach Mist. Die Böblinger ergatterten den Ball, bliesen zum Gegenangriff und machten das 2:2. Schluss, Aus, Ende. Das Spiel war vorbei. Nein, wir jammern nicht um den verlorenen Punkt und die Sicherheit, in die Relegation zu kommen, sondern freuen uns über das Erringen der Hälfte unseres Ziels! Ein Punkt ist besser als keiner.

Zweites Spiel gegen München 2. Die hatten vorher gegen Freiburg 10:0 verloren. Hm, hammer vielleicht ’ne Chance. War dann gar nicht so dramatisch wie vorher, sondern ging glatt 3:0 für die Pfungstädter aus. Quasi langweilig. Mittlerweile hatte Nürnberg sein erstes Spiel schon verloren. Erklärtes Tagesziel war folglich mehr als erreicht: drei statt zweier nötiger Punkte. Wir wollen ja nicht kleckern. Höchstens beim Bier. Das gab’s dann schon mal nebst Käse- und Marmorkuchen, um den Tag zu zelebrieren.

Jetzt konnte man locker ans nächste Spiel gehen, gegen einen der direkten Aufstiegskandidaten: Freiburg. Die dummen Sprüche ließen uns nur müde Lächeln. Zum Beispiel der aus Rosenheim: Ein Jahr lang Freibier, wenn Ihr’s schafft, die Freiburger vom direkten Aufstiegsplatz fernzuhalten, aber Euch würd’ ja noch nicht mal das ganze Schwimmbecken voll Bier ausreichen, um das fertigzubringen. (Zur Erklärung: Ein Unentschieden oder Sieg von Pfungstadt gegen Freiburg würde Rosenheim direkt aufsteigen lassen.) Oder der Spruch aus den eigenen Reihen: Freiburg hat im ersten Spiel heute 10:0 gewonnen, im zweiten nur noch 9:0, die sind auf’m absteigenden Ast, da haben wir gute Chancen. – Ich saß wieder am Protokolltisch, und ehrlich gesagt, wollte ich nur nicht mehr als 10 Tore gegen uns aufschreiben. Ab da wird’s dann doch etwas peinlich. Ja, es gab nichts zu verlieren, nur die Ehre! Ich hatte einen direkten Draht zum Spielleiter. Des Nervositätsabbaus wegen. Ich habe ihn auf dem Laufenden gehalten: Schon drei Minuten gespielt, noch kein Tor. Schon fünf Minuten gespielt, noch immer kein Tor. Hätt’ er ja sonst nicht gemerkt. Die Vorstellung, unter 10 zu verlieren, wurde realistischer. Dann: Miiiep, miiiep. Tor für Freiburg. Na, sagte der ansonsten nette Spielleiter, der Knoten ist wohl geplatzt. Schluck. Lasst Euch nicht hängen, Leute. Haltet weiter dagegen, ihr könnt mein Ziel noch schaffen. Miiiep, miiiep. Tor für Pfungstadt. Nein, ich glaub’ es nicht. Sind die wahnsinnig!!! Oder die anderen? Ich wusste auf einmal nicht mehr, wo und wie man Tore in dem Protokoll festhält, doch dann fiel mir ein, dass ich ja unparteiisch war, und fand’ dann doch noch die richtigen Felder. 1:1 zur Halbzeit. 1.FC Köln gegen Bayern München. Ach Quatsch, dreimal besser. Es ging weiter. Irgendwann machten die Freiburger wieder ein Tor. Na ja, war jetzt auch egal. Waren ja nur noch ein paar Minuten zu spielen. Anständig verloren. Höchstanständig. Pfungstadt sollte um den Aufstieg spielen, kam mir zu Ohren. Na ja, nun mal halblang, wir sind ja nicht größenwahnsinnig. Aber einen guten Mittelplatz in der Tabelle hätt’ ich auch besser und angemessener gefunden. Miiiep, miiiep. Tor für Pfungstadt, knapp zwei Minuten vor Schluss. Hilfloses Lachen meinerseits. Ball festhalten und nicht mehr loslassen. Gut, Dirk.

Und gut, Ihr anderen alle: die anderen zwei Dirks, die drei Stef/phans (in unterschiedlicher Schreibweise, hört man aber nicht, wenn man spricht), die zwei Tobiasse, der Diminic (es kann nur einen geben), die Ria, der Mathias, der Joachim, der Rolf, der Ralf, der Alex. Aus denen hervorheben muss ich Stephan (an der Schreibweise ist zu erkennen, welcher) und Rolf. Die haben nämlich im letzten Spiel zugucken müssen und haben nicht nur am Rand eines Herzinfarkts gestanden, sondern auch am Spielfeldrand, und die Leute angetrieben, damit es nicht doch noch im Desaster endete. Ihnen gilt mein spezieller Dank. Und uns Uwe natürlich. Dafür, dass Du nicht mitgespielt hast, sondern statt dessen alle zu gegebener Zeit angeschissen oder, etwas seltener, gelobt hast.

Ja, und dann habe ich heute überlegt, ob ich nun doch zur Heldenverehrung übergehen muss, obwohl mir das total widerstrebt. Aber das war schon’n Ding gestern. Alle Achtung! Ich habe nun einen super Kompromiss gefunden:

Ihr seid meine Antihelden!

Trudel

PS: Ich kann kaum den Blick vom Wäscheständer abwenden. Dort hängen die Kappen, Eure Berührungsreliquien.

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